Statt eines Kataklysmus: Dritte Stadtlandschaft

Illegale Partys im öffentlichen Raum gehören im Sommer in Berlin und anderswo zum Alltag. Unter Brücken und auf kleinen und großen Brachen wummern Bässe, es wird getanzt, getrunken, wohl auch gegrillt, jedenfalls ohne behördliche Genehmigung gefeiert. Dabei sind die Partys keineswegs besonders versteckt. Doch die Ordnungsmacht greift nicht ein. Und das sollte sie auch nicht.

Gilles Clément ist ein Ökologe, Entropologe und Raumplaner; bekannt ist er, wenn man dem Wikipedia-Artikel glauben darf, für die Gestaltung mehrerer Gartenanlagen. 2004 forderte er in die ›Dritte Landschaft‹ (Tiers paysage) ein. Sie soll, so Clément, zwischen die beiden primären Landschaftstypen treten: dem ökologischen Primärsystem [1] einerseits und dem anthropogenetischen Nutzraum andererseits. Ihr spezifischer Wert al Zwischenraum soll erkannt werden, denn vorhanden ist er seit Beginn der Sesshaftwerdung des Menschen (wenn auch nicht unbedingt bewusst). Als ökologische Primärsysteme bezeichnet Clément von menschlichem Zugriff unberührte Biome. Räume, die so entlegen sind, so wüst, so wenig effizient (v)erschließ- oder ausbeutbar, dass sie sich als Lebens- oder Wirtschaftsraum nicht eignen. Hier entwickeln sich Fauna und Flora unbeeinflusst, falls angesichts der herbeigeführten Klimaerwärmung davon überhaupt noch gesprochen werden kann. In vielen Fällen sind dies, mit Deleuze und Guattari gesprochen, die ›glatten‹ Räume. Ihnen stehen die verschiedenen ›gekerbten‹ Räume gegenüber, die sich grob in zwei Sorten teilen lassen: die Stadt als der Ort der optimalen Bodenversiegelung und das Land als Ort optimaler landwirtschaftlicher Ausbeutung. Das Reservat, ein institutionell bewachter Schutzraum, steht den Primärsystemen näher, allerdings ist die natürliche Entwicklung in ihnen durch Überwachung reguliert, was es u.a. neuen Arten erschwert, das Territorium zu besetzen. Dritte Landschaft nennt Clément die Randzonen der Nutzräume: Straßen-, Acker- und Forstränder etc., verlassene Gelände, Brachen: sekundäre Landschaften. Die Dritte Landschaft schlägt er vor als »dritten Begriff einer Analyse, die ihre eigentlichen und ersichtlichen Hauptgegenstände entweder der Seite des Schattens oder der Seite des Lichtes zugeordnet hat« (2010: 11). Dieses Dichotomiedenken (Natur/Kultur) will er herausfordern durch die Stärkung des Dazwischen, das sich einer eindeutigen Zuweisung entzieht, ein »Raum, der weder Macht noch Unterwerfung unter eine Macht ausdrückt« (2010: 12). Die Dritte Landschaft soll dementsprechend die »Unentschiedenheit zu einem politischen Begriff machen und sie ins Gleichgewicht mit der Macht bringen« (2010: 59). Clément rekurriert damit implizit auf das Konzept des ›Neutrums‹, mit dem Roland Barthes ähnliches im Sinn hatte (»Neutrum nenne ich dasjenige, was das Paradigma außer Kraft setzt«; 2005: 32). Zugleich ergänzt er die Dichotomie glatt/gekerbt, die gelegentlich so missverstanden wird, dass sich gekerbte Räume durch menschlichen Eingriff glätten ließen, wodurch jedoch immer nur neue Kerben entstehen.

Alle Räume interessieren Clément in seinem Manifest in erster Linie hinsichtlich der verschieden große Biodiversität, die sie ermöglichen oder erlauben, denn die Zahl und Ausdifferenzierung der Arten hängt entscheidend ab vom Lebensraum und seinen Veränderungen. In natürlichen Räumen ist sich die Vielfalt der Arten auf einem mittleren Niveau stabil. Neuankömmlinge haben nur geringe Chancen, sich zu etablieren, eingesessene Arten lassen sich nur schwer verdrängen. Auf den städtischen und ländlichen Gebrauchsflächen stellt sich kein Gleichgewicht ein, doch wird die Artenvielfalt durch strikte Kontrolle reguliert. So wird auf dem Acker zwischen den Nutzpflanzen nur wenig andere Flora toleriert. Die Fauna wird ebenfalls bis auf wenige besonders renitente oder nutzbar gemachte Arten bekämpft und verdrängt – aussagekräftig sind die Stichworte ›Schädling‹ und ›Unkraut‹. Ein viel dynamischeres Bild bieten Cléments Dritte Landschaften. Hier lösen sich pflanzliche und tierische Arten kontinuierlich ab. Viele Neuankömmlinge konkurrieren mit erst kürzlich eingetroffenen und gleichsam arrivierten. Wer sich durchsetzt, bleibt für etwas länger, kann aber auch wieder verdrängt werden: die Biodiversität ist in solchen Terrains hoch. In dem Maße, in dem die Dritte Landschaft zum Primärsystem wird, stabilisiert sich die Vielfalt. Aus diesem Blickwinkel sind die Dritten Landschaften, ehemals gekerbte, sich nun glättende Territorien besonders interessant und für die Artenvielfalt besonders bedeutsam, denn hier spielt sich der Kampf um die fitness ab, der bei den ersten schon entschieden und bei den zweiten Landschaften nicht zugelassen wird.

Biodiversität meint aber nicht nur die Zahl der Arten, sondern auch die der Verhaltensweisen, denn, so Clément, »[v]om biologischen Gesichtspunkt aus bedeutet existieren, eine Aktivität zu verrichten« (2010: 48). Menschen bilden keine unterschiedlichen Arten aus, sondern komplexe Verhaltensweisen: Kulturen. Das macht Dritte Landschaften auch gesellschaftlich relevant. Bei der Artenvielfalt spielt die Größe der Gebiete eine entscheidende Rolle: »Auf einer Pangäa (zusammenhängende Landmasse) kommen weniger Arten vor, als auf mehreren Kontinenten von zusammengenommen gleicher Oberfläche.« (2010: 22) Mit der Zahl der Territorien wächst die Zahl der Biome und damit die der Arten, entsprechend steigt bei Menschen die Zahl der Verhaltensweisen. Setzt man voraus, dass eine große Heterogenität von Kulturen und Verhalten positiv und wünschenswert ist (was nicht möglicherweise zwingend ist: das Modell Borg-Kollektiv oder H.G. Wells’ Eloi/Morlock-Dichotomie könnten dereinst Optionen sein …), dann ist eine komplexe, fragmentarische Landschaft mit vielen Territorien und Übergangszonen Garant für ihre Erhaltung und Entfaltung. Doch »menschliche Aktivität beschleunigt den Prozess des Aneinanderstoßens, der zu einer Pangäa führt, vermindert die Zahl der Isolate und infolgedessen die Zahl der Arten« (2010: 22). »Was kann man«, fragt Virilio, »über unser ausgehendes 20. Jahrhundert […] anderes sagen, als daß wir die Zeit der endlichen Welt ausgeschöpft, die Erdoberfläche vereinheitlicht haben?« (1996: 87) Das trifft auch auf die Biodiversität des Menschen zu. Die stark wachsenden Menschheit bringt nicht im gleichen Maße und mit gleicher Geschwindigkeit ihrer Vermehrung und Verbreitung neue Verhaltensweisen hervor (vgl. Clément 2010: 31). Vielmehr im Gegenteil, wie Clément nicht als erster bemerkt: »Die Auswirkung des kulturellen Schmelztiegels schlägt sich in der Verminderung der Verhaltensweisen nieder.« (2010: 31) Er spitzt zu: »Sucht man einen Vergleich in den Naturkatastrophen, kann man sagen, dass die weltweite Anthropogenisierung zu einem ebensogroßen Rückgang der Anzahl führt wie ein Kataklysmus« (2010: 28). Der globale Markt, d.h. die Internationalisierung von Kleidung, Waren, Baustilen, Ansichten und Meinungen, die heute alle Weltteile überschwemmen, ist ein deutliches Zeichen für die eingeschlagene Richtung.

Pangäa ist ein Synonym für eine Welt, in der die Orte zunehmend in sich zusammenfallen und von der Mensch von Zeit und Geschwindigkeit kontrolliert wird. Paul Virilio nennt das bekanntlich die Dromosphäre oder prosaischer das »Vagabundentum der Beschleunigung« im »Nicht-Gebiet der Schnelligkeit« (1978: 32). In jüngerer Zeit spricht er von der »Ära des bewohnbaren Verkehrs« (Virilio 2010: 12), in der sich die Stadt verflüssigt. Mit dem Verlust des Raums durch die Geschwindigkeit ist aber nicht zwingend die kulturelle Gleichschaltung vorprogrammiert, auch wenn sie bereits auf dem besten Wege zu sein scheint. Denn laut Clément gilt auch, dass die »zunehmende Anthropogenisierung des Planeten […] eine stets steigende Zahl verlassener Gelände […]« (2010: 22) hervorbringt. In Städten entstehen sie in nicht genutzten und an den Rändern plangenutzter Flächen. Sie können zeitlich begrenzt bestehen, etwa wenn sie bereits einem Bebauungsplan unterworfen sind, die Finanzierung steht aber noch aussteht oder das Bauprojekt hat noch nicht begonnen hat usw., oder stetig, z.B. bei unrentable, abgelegenen, verschmutzten, aufgegebene Gelände usw. – »Die Summe der verlassenen Gelände bildet das Territorium des planetarischen Schmelztiegels par excellence.« (2010: 21) Schmelztiegel bedeutet hier aber nicht die bloße vereinheitlichende und damit verflachende Verklumpung bestehender Verhaltensweisen, wie dies New York gerne unterstellt wird (melting pot). Gemeint ist vielmehr der Schmelztiegel als Schauplatz der prozessualen Erprobung und Aushandlung neuer Verhaltensweisen, aus der eine urbane Artenvielfalt entstehen kann. Wo sich bestimmte Praktiken dauerhaft an eine bestimmte Dritte Landschaft koppeln, da stabilisiert sich eine Kultur oder ein kleiner Kanon von Kulturen. So etablieren sich, im übertragenen Sinne, primäre Systeme. Diese Prozesse laufen nicht bewusst oder gesteuert ab. Clément betont vielmehr, die »die dritte Landschaft [müsse] als der Teil unseres Lebensraums verstanden werden, der dem Unbewussten unterliegt. Tiefen, in denen sich die Ereignisse sichtbar anhäufen und manifestieren, aber auf eine Weise, die nicht auf eine bewusste Entscheidung zurückgeht« (2010: 56),

Daraus lässt sich als Aufgabe für die Stadtplanung ableiten: um einen ›Kataklysmus‹, ein globales Sterben der Diversität der Praktiken, zu vermeiden, müssen (u.a.) Dritte Landschaften institutionell geschützt und gefördert werde. Aber nicht in der Form der Erfassung und Beobachtung der Territorien, sondern in der Art einer bewussten Entscheidung, sie wegen ihrer entscheidenden Rolle für die urbane Diversität wissentlich zu ignorieren.

 

Christian A. Bachmann

 

Anmerkung

[1] Zu Übersetzung des Begriffs ensemble primaire als Primärsystem vgl. Anm. 1 in Clément 2010: 7.

 

Literatur

Barthes, Roland: Das Neutrum. Vorlesungen am Collège de France. 1977–1978. Hg. von Eric Marty. Texterstellung, Anm. u. Vorwort von Thomas Clerc. Übers. von Horst Brühmann. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2005.

Clément, Gilles: Manifest der Dritten Landschaft. Berlin: Merve 2010. Orig.: http://www.gillesclement.com/fichiers/_tierspaypublications_92045_manifeste_du_tiers_paysage.pdf.

Deleuze, Gilles/Félix Guattari: 1440 – Das Glatte und das Gekerbte, in: dies.: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie. Aus d. Franz. übers. von Gabriele Ricke u. Ronald Voullié. Berlin: Merve 1992, S. 657–693.

Virilio, Paul: Der Futurismus des Augenblicks. Wien: Passagen 2010.

Virilio, Paul: Fahrzeug, in: ders.: Fahren, fahren, Fahren… Aus dem Franz. übers. von Ulrich Raulf, Berlin 1978, S. 19–50.

Virilio, Paul: Fluchtgeschwindigkeit. Essay. Aus d. Franz. von Bernd Wilczek. München/Wien 1996.

Virilio, Paul: Rasender Stillstand. Essay. Aus d. Franz. von Bernd Wilczek. Frankfurt a.M.: Fischer 1997.