Mondreisen im frühen Comic – ein Lückenfüller

Anlässlich des 50. Jahrestages der Mondlandung im Juli 1969 hat comic.de-Autor Gerrit Lungershausen in der Comixene Nummer 131 einen Überblick über Comics gegeben, die Reisen zum Erdtrabanten inszenieren. Unter dem Titel „50 Jahre Mondlandung im Comic“ legt der Artikel den Fokus auf die Zeit nach Apollo 11, beginnt aber mit Winsor McCays Little Nemo, der bereits 1904 zum Erdtrabanten reist. Es folgt ein Sprung von mehreren Jahrzehnten, nämlich zu Armstrong und Aldrin, der für die Auseinandersetzung mit Comics symptomatisch ist. Es ist nämlich zum einen in der Breite nur ein Bruchteil der frühen amerikanischen Zeitungscomics und ihrer Künstlerinnen und Künstler bekannt. Meist werden sie von einigen wenigen Säulenheiligen in den Schatten gestellt, darunter auch McCay. Zum anderen wissen wir nicht sehr genau, welche Themen die frühen Comics überhaupt umgetrieben haben. Auf der Suche nach einigermaßen abwechslungsreichen Gags für wöchentlich oder gar täglich erscheinende Strips war den Künstlerinnen und Künstlern wohl jeder Gegenstand recht, solange die Zeitungsherausgeber damit einverstanden waren. Dabei existierten die Comicschaffenden nicht in einem luftleeren Raum, sondern nahmen als Produzenten und Rezipienten an einer Medienkultur teil, die um 1900 in den US-Großstädten vor allem der Ostküste so lebhaft war wie nie und nirgends zuvor. Der dankenswerte Comixene-Beitrag soll hier also nicht korrigiert werden, sondern lediglich ergänzt, um die Lücke zwischen der „Erfindung“ der Comics um 1900 und der Mondlandung rund 70 Jahre später ein Stück weit zu füllen.

Abb. 1: A.D. Condo: Mr Skygack from Mars. In: The Seattle Star, 25.02.1908, S. 4Seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts macht die Astronomie beeindruckende technische Fortschritte, die man an der Zahl und Größe neuerrichteter Teleskope erahnen kann. 1883 wird in der Wiener Sternwarte ein neuer Refraktor errichtet, 1888 in London und noch im selben Jahr das Lick Observatory in der Nähe von San Jose, Kalifornien. 1897 wird in Wisconsin der Yerkes-Refraktor eingeweiht, das bis heute größte Linsenteleskop. Man hatte offenkundig ein großes Interesse an dem, was man draußen zu finden erhoffte. 1898 beteuerte beispielsweise der Hamburger Georg Waltemath, neue Erdtrabanten entdeckt zu haben. Auch in den USA spricht man darüber. Bereits 1877 glaubt der Astronom Giovanni Schiaparelli Marskanäle als Spuren von Marsbewohnern erkannt zu haben – eine Idee, die erst in den 1930ern endgültig widerlegt wurde. Da hatte sie sich aber schon im populären Imaginären eingenistet: von H. G. Wells’ Roman „Krieg der Welten“ (1898) und Orson Welles’ berühmt-berüchtigter Hörspieladaption (1938), über A.D. Condos Comicstrip „Mr. Skygack, from Mars“ (1907–1911, Abb. 1), diversen „Flash Gordon“-Abenteuern, Filmen wie „Invaders from Mars“ (1953) bis zu den „Mars Attacks“-Sammelkarten (1962) und der darauf basierenden Verfilmung von Tim Burton („Mars Attacks!“, 1996) – Marsmenschen sind heute nicht mehr wegzudenken. Um 1900 macht sich die Wissenschaft ernsthaft Gedanken darüber, wie sie wohl aussehen könnten (Abb. 2).

Abb. 2: Robert Ball: What’s The Matter With Mars? In: The Washington Times, 04.04.1904, unpag.Mondbewohner kannte man in der westlichen Welt freilich schon viel länger. Schon in der Antike soll viel über das „Mondgesicht“ gesprochen worden sein, wie Plutarch anmerkt. Johannes Kepler stellt gleich eine ganze Mondgesellschaft von Privolvanern und Subvolvanern dar: „Im Allgemeinen kommt die subvolvane Halbkugel unseren Dörfern, Städten und Gärten, dagegen die privolvane unseren Feldern, Wäldern und Wüsten gleich“, fantasiert er 1608 in seinem Buch „Der Traum“ („Somnium“). Eine solche Gesellschaft bzw. ihre wichtigsten Vertreter zeigt uns William Hogarth, einer jener Urväter des graphischen Erzählens, in einer obrigkeitsfeindlichen Visualsatire von 1788 (Abb. 3). Wen wundert da, dass Reisen zum Mond ein beliebter Stoff der Literatur sind – schon Lukian schreibt darüber.

Während die Idee eines bewohnten Mondes nur noch bis ins frühe 20. Jahrhundert diskutiert wurde, ist das „Mondgesicht“ des „Mannes im Mond“ eine bis heute geläufige Vorstellung, die Zahl ihrer Darstellungen Legende. Eine der einschlägigsten findet sich in Georges Méliès’ Film „Die Reise zum Mond“, der 1902 erscheint (Abb. 4, s. u.). Méliès lässt sich dazu von Jules Verne („Von der Erde zum Mond“, 1865) und Wells („Die ersten Menschen auf dem Mond“, 1901) inspirieren. Vier Jahre zuvor, 1898, zeigt der Filmpionier den Mond in „Der Traum eines Astronomen“ als gefräßige Scheibe, aus deren Mund Mondmännchen springen (Abb. 5, s. u.). Méliès’ Mondbilder finden Aufnahme in die populäre Imagination. Little Nemos Begegnung mit dem Mann im Mond von 1904 (Abb. 6, s. u.) zeigt dies ebenso wie eine 1906 erschienene Episode von William Steinigans‘ „The Bad Dream That Made Bill a Better Boy“ (Abb. 7, s. u.) oder eine 1908 gedruckte Folge von John R. Brays und Constance Johnsons Comicstrip „Little Johnny and the Teddy Bears“ (Abb. 8, s. u.).

Abb. 3: William Hogarth: Some of the Principal Inhabitants of the MOON as they Were Perfectly Discovered by a Telescope brought to ye Greatest Perfection since ye last Eclipse Exactly Engraved from the – Objects, whereby ye Curious may Guess at their Religion MannersNeu sind Mondreisen zu diesem Zeitpunkt keineswegs, auch nicht in der graphischen Narration, wie eine 1891 in Frankreich gedruckte Bildergeschichte über eine Mondreise zeigt (Abb. 9, s. u.). Als McCay Little Nemo 1910 an Bord eine lunare Erkundung auf einem Luftschiff unternehmen lässt, ist diese also längst ein Topos, wenn McCay sie auch zeichnerisch besonders imposant inszeniert. Bereits 1907 entdeckt in einem praktisch unbekanntem Comicstrip von C. DeBall ein Prof. Middelkopf von seinem Luftschiff aus „Lebenszeichen auf dem Mond!!“ (Abb. 10, s. u.). Und die Mondreise bleibt auch nach McCay relevant, etwa in John Gruelles „Mr. Twee Deedle“, in dem der Mann im Mond eine stehende Figur ist. Selbst Charles W. Kahles Actionheld Hairbreadth Harry bereist den Mond. In einer Folge aus dem Jahr 1920, in der Harry sich Lunas (mond-)menschenleerer Ödnis restlos sicher ist, entdeckt er seinen Erzfeind auf dem Trabanten und muss eine damsel in distress aus ihren Händen retten (Abb. 11, s. u.). Das Beispiel zeigt, wie effektiv und produktiv sich verschiedene Topoi in populären visuellen Medien miteinander verschränken lassen, folgen sie doch nicht dem seit dem 19. Jahrhundert für die bildenden Künste geltenden Gebot der Originalität, sondern vielmehr dem Prinzip des das „Gleiche noch mal anders“. Und so werden Mondreisen bis heute immer wieder erzählt. An dieser Stelle schließt Gerrit Lungershausen Beitrag nahtlos an.

Christian A. Bachmann, geboren 1982, hat vergleichende Literaturwissenschaft und Linguistik in Bochum studiert und wurde 2015 promoviert. Seit 2010 ist er als Wissenschaftsverleger mit dem Schwerpunkt Comicforschung tätig (www.christian-bachmann.de). Zurzeit arbeitet er außerdem als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer Forschergruppe an den Universitäten Bochum, Köln und Marburg. Über Comics, Bildergeschichten und Karikaturen hat er mehrere Bücher geschrieben und herausgegeben. Unterrichtet hat er in Universitäten in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Abb. 4: Georges Méliès: Le Voyage dans la lune, Frankreich 1902

Abb. 5: Georges Méliès: La lune à un mètre, Frankreich 1898.

Abb. 6: Winsor McCay: Little Nemo in Slumberland, 03.12.1905.

Abb. 7: William Steinigans: The Bad Dream That Made Bill A Better Boy. In: The World, 22.07.1906.

Abb. 8: John R. Bray/Constance Johnson: Little Johnny and the Teddy Bears. In: The Washington
Times, 15.11.1908, unpag.

Abb. 9: Anon.: Rêve Étoilé. Paris 1891; https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b6938774w/f1.item

Abb. 10: C. Deball: Signs of Life Discovered on the Moon!! In: The Denison Review, 02.10.1907,
Weekly Magazine, S. 4.

Abb. 11: Charles W. Kahles: Hairbreadth Harry. Pure Moonshine. In: The Washington Herald, 25.04.1920.