Mechanisch-automatische Komik im Sinne Henri Bergsons (1859–1941) mit selbstreflexiver Pointe in frühen amerikanischen Zeitungscomics – dargestellt am Beispiel der Episode Merry Christmas von Clare Briggs (1874–1930) Comicstrip Mr. and Mrs., erschienen am vierundzwanzigsten Dezember Neunzehnhundertzweiundzwanzig unter anderem in der New York Tribune in New York, New York, mit einem Verweis auf Bronisław Malinowskis (1884–1942) anthropologische Linguistik.

Zuerst as Weihnachts-Lightning Talk gehalten im Rahmen des Berliner Comic-Kolloquiums, Winter 2019.

Frühe amerikanische Zeitungscomics reagieren sehr regelmäßig auf saisonale Ereignisse, Feiertage und so weiter. Sie können und wollen das, weil ihr Metamedium die Tageszeitung oder Wochenendbeilage ist, also der periodischen Zeitschriften- und Zeitungskultur angehören. Zu den festen Terminen im Jahr zählen bei vielen Zeitungscomics Neujahr, die Feier der amerikanischen Unabhängigkeit am 4. Juli, Thanksgiving und Silvester. Welche anderen in frühen und späteren Comics eine Rolle spielen, müsste untersucht werden, immerhin gibt es mehrere zur Auswahl: Memorial Day (seit 1868), Labor Day (seit 1894), Columbus Day (seit 1892), Veterans Day (seit 1919). Sie ließen sich leicht in Zeitungen aufsuchen, aber das wäre für einen lightning talk zu viel. Für heute muss ein Beispiel genügen. Ausgewählt habe ich die Episode „Merry Christmas“ aus Claire Briggs Strip Mr. and Mrs.

1874 geboren zeichnete Briggs mit A. Piker Clerk 1903 den ersten täglich erscheinenden Comicstrip. Es folgen dann einige andere und darunter seit 1919 auch Mr. and Mrs., sein beliebtester und langlebigster Strip. Er zeichnet ihn bis zu seinem Tod 1930 an sieben Tagen in der Woche. Am 24. Dezember 1922 erscheint in verschiedenen Tageszeitungen in der Comic Section der Strip, über den ich heute sprechen möchte. In der New York Tribune steht er zum Beispiel neben ebenfalls festliche Episoden von Harrison Cadys Peter Rabbit, Charles Wellingtons Pa’s Son-in-Law und Charles Voights Betty.

Die Mr. and Mrs.-Episode beginnt damit, das Vi Joe aus dem Off frohe Weihnachten wünscht, was dieser erwidert, während er eine Hose anzieht. Über das Binden der Krawatte wünscht er seinem Sohn Roscoe ein frohes Fest. Beim Verlassen des Zimmers wünscht er dasselbe seiner Hausangestellten, während er die Zeitung hereinholt seinem Nachbarn Tony, der antwortet: „Mer Chrismasio“. Beim Essen wünscht er Marie das namentliche und sie erwidert „Oui! Joyeux Noel“.

Wir lernen hier vage etwas darüber, wie man 1922 in einem Mittelschichtshaushalt Weihnachten verbringt, dass die USA ein mehrsprachiges Land sind, dass die Mittelschicht Hausangestellte hat – und dass es die soziale Verpflichtung gibt, allen, die man kennt, ein frohes Fest zu wünschen. Wir kennen das auch in Deutschland ganz gut: „Frohes Fest“, „Frohes Neues“, „Frohe Ostern“, das mittägliche „Mahlzeit“ – solche Grußformeln sind beinahe Automatismen. 1923, ein Jahr nach dem Erscheinen von Briggs Strip – und völlig unabhängig davon –, definiert der polnische Anthropologe Bronisław Malinowski solche Sprechakte als „a type of speech in which ties of union are created by a mere exchange of words“.[1] Man scheint in dieser Zeit über solche Phrasen und Bräuche nachgedacht zu haben.

In Briggs Strip muss Mister selbst telefonisch weitere Festtagsgrüße überbringen: an Bill, Harry, Ed und Edna. Endlich glaubt er nun wohl allen ein frohes Fest gewünscht habe. Doch Vi korrigiert ihn: Eine Person habe er vergessen: „Your Reader! He’s looking at you now – let’s wish him a merry Christmas“. Und das tun die beiden dann auch im letzten Panel, indem sie diesen Leser direkt adressieren: „Merry Christmas!“

Die doppelte Pointe des Strips basiert hier – wie so oft in Comicstrips – auf der Wiederholung. Henri Bergson hat in seiner berühmten Schrift über Das Lachen darauf hingewiesen, dass dem Mechanischen ein Komisches potentiell innewohne: ein „ins Leben eingebauter und das Leben imitierender Automatismus“ birgt Komik. Dort, wo das „Leben in die Richtung des Mechanischen umgebogen worden“ sei, findet Bergson das Komische.

Die mechanische Wiederholung der Grußformel ist es auch bei Briggs, die einen komischen Effekt hat. Briggs durchbricht aber auch einen Mechanismus, wenn er seine Figuren in einer selbstreferentiellen Wendung die 4. Wand durchbrechen und obendrein den Leserinnen und Lesern ein frohes Fest wünschen lässt. Dem kann ich mich nur anschließen: Frohe Weihnachten!

[1] Bronisław Malinowski: The Problem of Meaning in Primitive Languages. In: C. K. Ogden/I.A. Richards: The Meaning of Meaning. A Study of the Influence of Language Upon Thought and of the Science of Symbolism. Supplementary Essays by B. Malinowski and F.G. Crookshank. Harcourt 1923, S. 315.